Als ich heute nach der Mittagspause in mein Wartezimmer kam, musste ich schmunzeln. Wie prophezeit, saß hier das Projekt, welchem ich vor einigen Wochen die Projektorganisation verschrieben hatte. Es hatte nach der Konsultation fluchtartig und voller Tatendrang den Raum verlassen, sodass ich ihm die Methode nicht mehr ausrechend erklären konnte. Ich wusste, es würde wiederkommen.
„Wie geht’s“, wollte ich wissen, als ich es in mein Behandlungszimmer bat.
„Hat Ihnen die Projektorganisation geholfen?“
„Naja, am Anfang schon. Mein Projektleiter hat sich mit den Linien-Führungskräfte zusammengesetzt und die Zeit der Projektmitarbeiter mehr oder weniger fifty fifty untereinander aufgeteilt. Das funktioniert auch ganz gut so. Der Linien-Chef von meinem Projektleiter war sogar so zuvorkommend, dass er sich bereit erklärt hat, selber Aufgaben im Projekt zu übernehmen, für die er keine Mitarbeiter freistellen kann.“
Ich ahnte schon, worauf dieses Gespräch hinaus laufen würde.
„Aber jetzt ist irgendwie alles aus dem Ruder geraten. Mit den anderen Mitarbeitern funktioniert es ja sehr gut, aber dieser Chef von meinem Projektleiter macht einfach nicht, was man ihm sagt“, jammerte das Projekt.
„Haben Sie schon vergessen, dass Sie als Projekt ein eigenes Unternehmen sind? Und in diesem Unternehmen ist nun mal Ihr Projektleiter der Chef!“
„Aber der Chef von meinem Projektleiter ist ein Abteilungsleiter! Mein Projektleiter kann doch nicht zum Abteilungsleiter sagen: Mach endlich dein Arbeitspaket fertig! Das geht einfach nicht!“
„Da haben Sie natürlich Recht“, stimmte ich dem Projekt zu.
„Es gibt nur wenige Firmen, deren Mitarbeiter so flexibel und projektorientiert sind, dass das funktioniert. Deshalb sollten derartige Konstellationen in Projekten so weit wie möglich vermieden werden. Die Linien-Organisation umzukehren, sodass plötzlich ein Mitarbeiter seiner Führungskraft im Projekt Anweisungen geben kann, führt meist zu Problemen.“
„Aber was mach ich denn jetzt? Es lief doch schon alles so gut! Und ohne diesen einen Chef/Projektmitarbeiter geht es einfach nicht!“
„Ich kann Ihnen einen Tipp geben, ich weiß nicht, ob dies noch was nützt – das kommt eben sehr auf die Einstellung der Beteiligten an. Ich nehme an, Sie haben die Projektorganisation wie die Linien-Organisation dargestellt – mit Kästen und Strichen. Hab ich Recht?“
„Ja, habe ich. Ist daran etwas falsch?“
„Nein, nicht falsch. Es ist nur vielleicht besser, die Projektorganisation in anderer Form darzustellen, Z.B. mit Kreisen und Ellipsen. Einfach um sie besser von der Linien-Organisation unterscheiden zu können. Das verdeutlicht, dass die Projektorganisation ein anderes Unternehmen ist. Im „wahren Leben“ – also in der Linie ist der Chef nach wie vor Chef. Doch wenn er sich in das Paralleluniversum des Projektes begibt, muss er sich leider einem seiner Mitarbeiter unterordnen. Sobald Sie diese Darstellung der Projektorganisation haben sollte Ihr Projektleiter noch einmal unter vier Augen mit seinem Chef darüber reden und versuchen mit ihm die Rollen im Projekt zu klären“.
„Und das soll helfen? Das ist doch nur ein Bild“, meinte das Projekt skeptisch.
„Mit Visualisierung und Gesprächen erreicht man oft viel mehr, als Sie vielleicht denken“, erklärte ich dem Projekt.
„Wie gesagt, es ist ein Versuch, ich weiß nicht, ob es hilft. Es trägt auf jeden Fall zur Bewusstseinsbildung bei. Wenn sich gar nichts ändert, bleibt Ihnen leider nichts anderes übrig, als diesen Projektmitarbeiter – den Chef von Ihrem Projektleiter – durch einen anderen Mitarbeiter zu ersetzen, auch wenn Sie das in ihrem Plan etwas zurückwirft. Aber lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“
„Na gut, ich werde sehen, was sich da machen lässt. Danke auf jeden Fall für Ihre Hilfe, Herr Doktor.“
„Keine Ursache“, antwortete ich und begleitete das Projekt zur Tür hinaus. Ich bin selber gespannt, ob es sein Problem lösen kann. Mit der verkehrten Welt in Projekten kann leider nicht jeder umgehen.