Projektambulanz

 

Volume 7 - Projekt-Verkalkung

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Das Projekt, das heute nach der Mittagspause in meine Praxis kam, ging nicht, sondern schleppte sich mit letzter Kraft durch mein Behandlungszimmer und ließ sich völlig erschöpft in den Sessel vor meinem Schreibtisch fallen.
Mit hochrotem Kopf rang es nach Atem und keuchte: „Herr Doktor (schnauf), der Lift ist ausgefallen (schnauf) und die Stufen hier herauf (schnauf) sind der Horror!“
Ich gebe zu bedenken, liebe Leserin, lieber Leser, dass meine Ordination im ersten Stock liegt und die Treppe, die von der Anmeldung heraufführt, höchstens 15 Stufen aufweist. Unter diesen Umständen verstehen Sie wahrscheinlich, warum ich mir sofort ernsthafte Sorgen um den Zustand meines neuen Projektpatienten machte.


„Sind Sie öfter so aus der Puste?“ fragte ich.
„Nein, nur wenn ich mich bewege. Im Sitzen geht es halbwegs“, antwortete das Projekt, immer noch keuchend wie eine Dampflok.
„Kommen Sie erst mal wieder zu Atem“, beruhigte ich das Projekt und nahm Puls- und Blutdruckmesser aus meiner Schreibtischschublade.
Die Ergebnisse waren wie vorherzusehen die Werte eines hochgradig gefährdeten Projektinfarkt-Patienten. Ich bat das Projekt, mir von seinem Tagesablauf zu erzählen.
„Naja, ich sitze an meinem Schreibtisch und den ganzen Tag kommen und gehen meine Mitarbeiter und holen sich Ihre To Dos ab. Wenn sie erledigt sind, sagen sie es mir meistens.“


Da wurde ich schon hellhörig.
„Meistens?“, fragte ich.
„Naja, oft vergessen sie auch darauf. Aber das ist ja nicht so schlimm. Erledigt ist erledigt.“
„Hm, da muss ich Sie leider korrigieren. Das ist sehr wohl schlimm! Wie erfahren denn die Kollegen, die mit den erledigten To Dos weiterarbeiten müssen, dass sie erledigt sind?“
Das Projekt zuckte mit den Schultern.
„Die kommen  schon irgendwann drauf, wenn sie selbst Zeit haben, für mich zu arbeiten.“


Ich nahm wieder hinter meinem Schreibtisch Platz.
„Mein liebes Projekt, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die gute ist, ich weiß genau, was Ihnen fehlt, die schlechte ist, wenn Sie so weitermachen, werden Sie nicht mehr lange leben. Sie steuern mit Vollgas auf einen Projektinfarkt zu!“
Die Augen des Projektes weiteten sich vor Schreck.
„Aber keine Sorge, ich kann Ihnen helfen, Sie sind noch gerade rechtzeitig zu mir gekommen. Ihr Problem ist, dass Ihre Informationskanäle hoffnungslos verkalkt sind. Dadurch können die Informationen nicht frei fließen und werden immer träger, bis es irgendwann zu einem Gerinnsel oder Infarkt kommt. Und dieser Mangel an Informationen bewirkt auch, dass Sie immer schwächer werden und sich immer langsamer bewegen können. Und lassen Sie mich raten: Im Zeitplan liegen Sie auch schon lange nicht mehr, nicht wahr?“
Das Projekt nickte träge.


„Ich verschreibe Ihnen drei Antikoagulantien. Das sind gerinnungshemmende Mittel. Und zwar den Kommunikationsplan, die Agenda und das Protokoll.
Der Kommunikationsplan bringt Struktur in Ihren Informationsfluss und lässt ihn wieder besser fließen. Und Agenda und Protokoll erhöhen die Meeting-Effizienz und erleichtern die Ergebnissicherung, was sich sehr positiv auf den Informationsgrad Ihrer Mitarbeiter auswirken wird. Den Kommunikationsplan sollten Sie sofort einsetzen, Agenda und Protokoll je nach Bedarf jede oder jede zweite Woche. Sie werden sehen, bald werden Sie sich viel besser fühlen und Ihren alten Schwung wieder haben.“
„Na, da wäre ich Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor“, meinte es.
„Sie werden sehen, bald werden Sie sich wieder fühlen wie ein Triathlet“, ermunterte ich es noch, während ich ihm die Rezepte überreichte und es zur Tür hinaus begleitete.

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Projektambulanz, Ordination Dr. Glügg

Dr. Phil Glügg; Studium bei der Projektmedizinischen Agentur;
Erfahrung mit Projekten aller Art rund um den Globus; seit 7 Jahren als Notfallmediziner in der Projektambulanz in Wien tätig