Der Patient, der heute im Wartezimmer saß, überraschte mich durch sein hohes Alter. Normalerweise sind die Projekte, die meine Praxis aufsuchen, zumindest vom Aussehen her jung und dynamisch, auch wenn sie oft einen abgekämpften Eindruck machen. Dieses jedoch hatte ein faltiges Gesicht und weiße strähnig Haare, die nach allen Richtungen abstanden. Als ich es in mein Behandlungszimmer bat und sich unsere Blicke trafen, fielen mir die trüben Augen auf, von beginnendem grauem Star gezeichnet. Hier hatte ich wohl den Methusalem unter den Projekten vor mir.
Auf wackligen Beinen und durch einen Stock gestützt schlurfte das Projekt an mir vorbei und ließ sich vorsichtig im Sessel gegenüber meinem Schreibtisch nieder. Nach seinen Beschwerden gefragt – obwohl die offensichtlich waren – antwortete es mir schwer seufzend und mit rauer Stimme.
„Herr Doktor, ich bin nun schon 12 Jahre alt.“
Dieser Satz veranlasste mich, ungläubig die Augenbrauen zu heben.
„Wie Sie sehen, bin ich nicht mehr der Jüngste und das macht mir einfach zu schaffen. Ich kann mich lang nicht mehr so schnell bewegen wie früher, meine Gelenke rosten ein, meine Gefäße verkalken und was das Schlimmste ist – bei uns im Unternehmen gibt es so viele junge, dynamische Projekte, die mir einfach die Show stehlen. Die kommen daher mit ihren neuen attraktiven Herausforderungen und feiern Erfolge. Alle Ressourcen werden denen zugeworfen, dort gibt es Prämien und Gratis-Kaffee, alle Mitarbeiter wollen für diese Jungspunde arbeiten. Ich alter Knacker kann schon seit Jahren keine Ergebnisse mehr aufweisen, weil ich niemanden mehr interessiere. Ich bin schon völlig verzweifelt und weiß nicht, was ich tun soll!“
„Ja, wie sind Sie denn überhaupt so alt geworden?“ fragte ich noch immer verwundert. „Wenn man bedenkt, dass ein Projektjahr 10 Menschenjahren entspricht, sind Sie schon längst reif für die Insel – bitte entschuldigen Sie meine direkte Ausdrucksweise.“
„Ich weiß auch nicht, das ist einfach passiert“, antwortete es niedergeschlagen.
„Am Anfang lief noch alles bestens, da war ICH der Star im Unternehmen und alle wollten für MICH arbeiten. Dann, nach ein, zwei Jahren kamen aber die ersten Probleme, irgendwann tauchte die Frage auf, wozu bin ich eigentlich gut und zahlt sich das alles überhaupt aus und dann hat sich mein Auftraggeber von mir abgewandt und wenig später auch meine Mitarbeiter. Das war wohl der schwerste Schlag in meinem ganzen Leben. Ich wurde einfach im Stich gelassen. Und die Motivation meines Projektleiters können Sie sich vorstellen. Das ist mittlerweile schon der vierte, der versucht mich zu retten, aber es ist hoffnungslos.“
Das Projekt ließ den Kopf hängen.
„Nun, es ist noch nicht alles verloren. Wir müssen Sie unbedingt wieder fit kriegen! Machen Sie Bewegung, gehen Sie auf die Menschen zu, schauen Sie sich in Ihrem Unternehmen um, wo die Leute sind, die noch hinter Ihnen stehen und bauen Sie gemeinsam mit Ihrem Projektleiter ein neues Team auf. Rufen Sie sich Ihre Ziele und Ihre positiven Auswirkungen in Erinnerung und vermarkten Sie diese. Setzen Sie sich Zwischenziele, die Sie schnell erreichen können und bewerben Sie diese in Ihrem Umfeld. Sie werden sehen, Erfolg macht sexy! Im Idealfall schaffen Sie es, dass sich ein Vorstands-Mitglied oder jemand anderer aus dem Top-Management wieder um Sie kümmert und hinter Ihnen steht. Dieser muss dann in den Lenkungsausschuss aufgenommen werden, dann werden auch die anderen Mitarbeiter schnell merken, dass Sie wichtig für das Unternehmen sind. Sie müssen nur rasch etwas unternehmen, sonst bleibt Ihnen nur das Projekt-Seniorenheim.“
Bei diesem Wort zuckte das Projekt merklich zusammen.
„Aber schauen Sie mich doch an! In meinem Zustand! Wie soll das gehen?“
„Keine Sorge, Sie schaffen das schon, Sie müssen nur an sich selbst glauben, dann werden es auch bald andere wieder tun. Es erfordert zwar eine gehörige Portion Kraft und Überwindung, aber das ist Ihre einzige Chance! Und dann versuchen Sie, so rasch wie möglich zu einem Abschluss zu kommen, sonst sind Sie tatsächlich bald am Ende Ihrer Kräfte.“
„Mein letzte Chance. Nun gut, dann werde ich wohl mein Bestes geben müssen, wieder zu meinem alten Ich zurückzufinden“, krächzte es.
„Und das werden Sie“, versicherte ich und half ihm, sich aus dem Sessel zu erheben.
Nachdem ich das Projekt zur Tür hinausbegleitet hatte, schüttelte ich noch einmal den Kopf. 12 Jahre! Normalerweise sind 5 oder vielleicht 7 Jahre die Grenze für die Projekt-Pension. Alles was darüber ist, wird mühsam. Ich hoffe inständig, dass das Projekt noch genug Energie in sich findet, um seine Ziele doch noch zu erreichen.