Als ich heute Morgen die Ambulanz betrat, war das Wartezimmer wider Erwarten leer. So blieb mir wenigstens noch Zeit für einen Morgenkaffee und als ich fünf Minuten später mit dem dampfenden Becher in der Hand zurückkehrte, wartete schon ein Projekt vor meiner Tür. Nachdem es mir gegenüber am Schreibtisch Platz genommen hatte, schilderte es mir sein Leid:
„Herr Doktor, ich weiß nicht, was los ist. Eigentlich läuft alles gut. Meine Mitarbeiter sind motiviert, mein Projektleiter weiß, was er tut und das Team zieht an einem Strang und bringt Ergebnisse. Und trotzdem fühle ich mich irgendwie unwohl.“
„Hmmm, können Sie das unwohl Sein vielleicht näher beschreiben?“ war meine Antwort darauf.
„Nun ja“, entgegnete das Projekt.
„Ich fühl mich ständig beobachtet und habe irgendwie das Gefühl dauernd Fehler zu begehen. Und dann immer diese Wegelagerer…“
Das Projekt schüttelte betrübt den Kopf.
Ich ahnte schon, worauf diese Beschreibung hinauslaufen würde und fragte noch einmal nach: „Wegelagerer?“
„Diese Wegelagerer, die mich ständig ansprechen und vom Weg abbringen wollen. Ich marschiere zügig vor mich hin, da taucht so ein Typ am Straßenrand auf und beginnt, mich auszufragen. Wer ich bin, wohin ich gehe, warum ich überhaupt da bin und nicht woanders und was ich auf meinem Weg schon alles erlebt habe. Und das passiert mir ständig! Alle paar hundert Meter steht so eine Neugierdsnase und will Informationen von mir. Und sie beobachten mich. Jede meiner Bewegungen, und sie wollen sie beeinflussen. Aber ich lasse mich nicht beeinflussen!“
Das Projekt war aufgesprungen und schrie mich beinahe an. Im nächsten Moment war ihm sein Gefühlsausbruch sichtlich peinlich und es setzte sich wieder hin.
„Bin ich etwa paranoid?“ fragte es mich ängstlich.
„Nein, nein, kein Grund an der psychischen Gesundheit zu zweifeln,“ beruhigte ich es.
„Das ist ganz normal für ein Projektleben. Je länger ein Projekt andauert, desto mehr Personen oder – wie Sie sie nennen – Wegelagerer tauchen auf und wollen einerseits Informationen über Sie und andererseits Ihren Weg beeinflussen. Sie wollen, dass Sie das tun, was sie verlangen, nicht wahr?“
„Genau!“ stimmte das Projekt zu.
„Sie wollen dauernd, dass ich vom Kurs abweiche und Ihnen folge.“
„Im projektmedizinischen Jargon nennt man diese Wegelagerer ‚Umfelder’ oder ‚Stakeholder’“, erklärte ich.
„Das sind Personen, Organisationen oder Funktionsgruppen, die durch die Wellen, die größere Vorhaben immer schlagen, auf Projekte aufmerksam werden und versuchen, ihre eigenen Interessen zu vertreten.“
„Die sollen mich in Ruhe lassen, was kümmern mich die?“ fragte das Projekt erzürnt.
„Naja, so generell dürfen Sie das auch nicht sehen!“ entgegnete ich.
„Ihre Aufgabe ist es, herauszufinden, auf welche Umfelder Sie hören müssen und auf welche nicht. Manche, wie zum Beispiel Vorstände oder Kunden, können ziemlich mächtig sein und wenn Sie nicht auf sie hören, kann ihr weiterer Weg noch ziemlich mühsam und ungemütlich werden. Und dann gibt es natürlich solche, die einfach nur Ihre Aufmerksamkeit wollen, aber eigentlich keine Macht über Sie haben.“
„Und wie finde ich heraus, welche ich berücksichtigen muss und welche nicht?“
„Dafür gibt es die Umfeldanalyse. Dies ist ein Instrument ähnlich einem Stethoskop, wie es zum Abhören verwendet wird, mit dem Sie die Sie umgebenden Umfelder identifizieren, analysieren und beurteilen können. Das erhalten Sie in jedem gut sortierten Projektmanagement-Fachhandel. Nehmen Sie die Schwingungen um sich auf und richten Sie sich danach! Dann brauchen Sie erstens nicht mehr bei jedem Wegelagerer stehen bleiben und ihm zuhören und zweitens wissen Sie, wie Sie die wichtigen Umfelder zufrieden stellen können. Sie werden Sie dann hoffentlich nicht mehr vom Weg abbringen wollen.“
„Na mal sehen,“ zeigte sich das Projekt noch skeptisch.
„Ich werde das mit meinem Team besprechen und dann werden wir uns ein paar Gedanken über die Umfelder machen. Vielleicht kommt ja etwas dabei heraus.“
„Genau, im Team sieht man immer mehr als alleine,“ konnte ich das Projekt nur bestätigen.
„Falls Sie wider Erwarten nach wie vor belästigt werden sollten und die Anflüge von Paranoia anhalten, dann schauen Sie einfach wieder in meiner Praxis vorbei.“
„Das werde ich mit Sicherheit tun,“ antwortete das Projekt und verließ meine Praxis.