Am Ende eines eher ruhigen Tages in meiner Praxis war ich bereits halb auf dem Weg in den Feierabend, als doch noch ein Projekt das bereits leere Wartezimmer betrat.
„Hallo Herr Doktor“, begrüßte es mich etwas außer Atem.
„Ich weiß, Ihre Ordinationszeit ist eigentlich schon vorbei, aber ich habe meinen Besuch bei Ihnen jetzt schon so lange vor mir her geschoben und es wird einfach nicht besser, dass ich mir gedacht habe, heute muss ich mich einfach dazu aufraffen und noch herkommen. Haben Sie noch kurz Zeit?“
„Natürlich nehme ich mir noch Zeit für Sie“, meinte ich pflichtbewusst und bat es in mein Behandlungszimmer.
„Wo drückt denn der Schuh?“ fragte ich, als ich hinter meinem Schreibtisch Platz genommen hatte.
„Nun ja“, begann das Projekt zu erklären.
„Das Problem ist eher, dass nichts drückt. Also nicht so wirklich. Es fühlt sich niemand unter Druck gesetzt und Arbeitspakete und Endtermine werden nach Lust und Laune nach hinten verschoben. Mein Projektleiter ist mittlerweile ratlos, es heißt immer nur: Neuer Endtermin zwei Wochen später, aber es hat keine Auswirkungen auf mich. Das kann ich ja fast nicht glauben! Das gibt es ja rein aus logischer Sicht gar nicht, dass am Schluss alles auf einmal fertig wird und mein Endtermin eingehalten wird, oder? Wenn das so weitergeht, werden sie auch bald anfangen, den Endtermin nach hinten zu verschieben und dann werd ich ja nie fertig!“
Ich nickte schmunzelnd und antwortete ihm: „Mein liebes Projekt, ich kann Ihnen versichern, Sie sind mit Ihren Symptomen nicht allein. Vielen Projekten geht es sehr ähnlich. Worunter Sie leiden nennt man Aufschieberitis. Das ist eine der am weitest verbreiteten und am häufigsten auftretenden Projektkrankheiten. Meiner Meinung nach sollte sie ja mittlerweile wie Schlaganfall oder Projektinfarkt zu den Zivilisationskrankheiten zählen, weil sie so oft auftritt.“
„Das hört sich ja schlimm an. Aber wenn das so oft vorkommt, kann man sicher etwas dagegen tun, oder?“ fragte das Projekt hoffnungsvoll.
„Nun ja, das ist leider nicht so einfach“, entgegnete ich.
„Die wirksamsten Mittel gegen Aufschieberitis sind ein fixer Endtermin, der unter keinen Umständen verschoben werden kann, und Druck vom verantwortlichen Management. Diese werden aber vom Auftraggeber oft nicht genehmigt. Das Wichtigste ist nämlich, dass ein mächtiger Auftraggeber – und im Idealfall auch noch die Geschäftsführung oder der Aufsichtsrat – voll und ganz hinter dem Projekt stehen und dieses zu einem fixen Termin zu Ende bringen wollen. Werden Termine nicht gehalten, muss dies unangenehme Konsequenzen für die Verantwortlichen nach sich ziehen, und wenn nur ein dreiseitiger Bericht mit Begründungen ausgefüllt werden muss. Sie werden sehen, das wirkt oft Wunder! Wenn dies an die Mitarbeiter erfolgreich kommuniziert wurde, ist die Aufschieberitis so gut wie besiegt.“
„Das hört sich ja doch einfach an“, meinte das Projekt.
„Alles, was ich also tun muss, ist, meinen Auftraggeber von meiner Wichtigkeit zu überzeugen. Das schaffe ich. Am Anfang ist er ja auch voll und ganz hinter mir gestanden und hat dem gesamten Unternehmen erklärt, wie wichtig ich bin und wie sehr ich alles verbessern werde. Ich muss ihn einfach daran erinnern.“
„Na dann drücke ich Ihnen mal die Daumen, dass das klappt“, meinte ich. Leiser Zweifel nagte in meinem Hinterkopf. Denn ich wusste, dass Druck von oben zwar Anfangs gut wirkt, aber meistens an der Langfristigkeit scheitert und mit der Zeit wieder im Sand versickert.
„Passen Sie nur auf, dass nicht nach einiger Zeit der Druck wieder nachlässt und alles von vorne losgeht – im wahrsten Sinne des Wortes!“ riet ich dem Projekt noch.
„Keine Sorge, das wird schon nicht passieren, Herr Doktor“, meinte es zuversichtlich.
„Auf jeden Fall vielen herzlichen Dank für Ihre Hilfe! Ich werde gleich heute noch meinen Auftraggeber informieren.“
„Keine Ursache!“ erwiderte ich, als ich das Projekt zur Tür hinaus begleitete.
„Und kommen Sie auf jeden Fall wieder, wenn es nicht besser wird“, rief ich dem Projekt noch hinterher.
„Und schieben Sie den Besuch nicht wieder auf, bis Sie es nicht mehr aushalten!“
Aber da war es auch schon um die Ecke. Ob es die letzte Empfehlung wohl noch gehört hat?