Heute Morgen hatte ich kaum in meinem Schreibtischsessel Platz genommen, als die Tür aufgerissen wurde und ein Projekt in mein Behandlungszimmer stürmte.
„Guten Morgen, Herr Doktor“, keuchte es atemlos.
„Ich brauche so schnell wie möglich eine Packung Relaxogen!“
„Das glaub ich Ihnen gern“, antwortete ich.
„Nehmen Sie doch bitte draußen im Wartezimmer Platz, Sie werden dann aufgerufen.“
Das Projekt sah mich mit einer Mischung aus Erstaunen und Empörung an.
„Ich habe keine Zeit zu warten, ich habe eine Fusion zwischen zwei Konzernen durchzuführen! Meine Auftraggeber warten auch nicht! Zeit ist Geld, Mann!“
„Werter Herr, als Notfallmediziner weiß ich, was Stress bedeutet, aber dennoch ersuche Sie, draußen zu warten.“
„Aber das ist ein Notfall! Ich bin eines der wichtigsten Projekte dieser Welt und muss so schnell wie möglich wieder zurück an die Arbeit. Die drei Minuten, die ich jetzt mit Ihnen rede, bin ich bereits im Verzug!“ Ich nahm seufzend zur Kenntnis, dass sich „eines der wichtigsten Projekte dieser Welt“ ohnehin nicht umstimmen lassen würde. Ich bat es also, sich zu setzen.
So zappelig wie es war, würde die Konsultation ohnehin nicht lange dauern. Das Projekt ließ sich auf den Stuhl gegenüber meinem Schreibtisch fallen und sah mich erwartungsvoll an. Ich griff jedoch nicht sofort zum Rezeptblock, sondern betrachtete es etwas genauer. Sein Blick war zuerst starr auf mich gerichtet, begann jedoch bald hektisch im Zimmer herumzutanzen. Seine Fußspitzen wippten unaufhörlich auf und ab, es knetete hektisch seine Hände im Schoß und jede Faser seines Körpers verriet, dass es wie eine Feder gespannt war, bereit mit dem ersehnten Rezept in der Hand aufzuspringen und mein Behandlungszimmer genauso eilig wieder zu verlassen, wie es dasselbe vorhin betreten hatte.
„Schlafen Sie nicht gut in letzter Zeit?“ fragte ich.
„Schlafen? Ja glauben Sie denn ernsthaft, in meiner Branche kann man sich hinlegen, geschweige denn schlafen?“
Die Ungläubigkeit in den roten Augen des Projektes war nicht zu übersehen.
„Und Sie wollen Projektmediziner sein?“ fügte es noch abfällig hinzu.
„Mein lieber Herr – wie war Ihr Name?“
„SPEED.“
Das hätte ich mir wohl denken können.
„Mein lieber Herr SPEED, ich habe natürlich großen Respekt vor Ihrem sicherlich unermesslichen Erfahrungsschatz in der Projektbranche.“
Das Projekt nickte selbstgefällig.
„Jedoch verfüge auch ich über einige Jährchen an Projekterfahrung und ich kann Ihnen versichern, dass auch Projekte die Möglichkeit und das Recht auf Schlaf und Erholung haben. So steht’s zumindest in der Deklaration der Projektrechte.“
Die Augen des Projektes weiteten sich.
„Ein Recht auf Erholung?“ fragte es ungläubig.
„Aber wie halte ich dann meinen Endtermin?“
„Wie viel Zeit haben Sie denn für die Durchführung der Fusion laut Plan erhalten?“
„6 Monate. – Wieso lachen Sie?“
„Und Ihr Auftraggeber hat mit einem motivierenden Schulterklopfen gemeint, das schaffen Sie schon, nicht wahr? Schließlich sind Sie der Beste für diesen Job!“
„Ja, genau das hat er gesagt“, gab das Projekt kleinlaut zu.
„Mein lieber Herr, nennen Sie mir eine Fusion, die innerhalb von sechs Monaten über die Bühne gegangen ist!“
Das Projekt überlegte eine Weile. Dann begann es ihm zu dämmern. Eine Fusion in einem halben Jahr ist prinzipiell nicht möglich.
„Herr SPEED, Sie brauchen kein Relaxogen. Was Sie viel dringender benötigen ist PUFFER! Das wirksamste Mittel gegen unrealistische Vorgaben. Es ist nur leider verschreibungspflichtig – Ihr Projektauftraggeber muss Ihnen die Freigabe erteilen.“
Aus einer Schublade hinter meinem Schreibtisch nahm ich ein blaues Päckchen heraus. Ich habe es stets in Griffweite, denn es kommt nicht selten vor, dass es die Lösung vieler Probleme in Projekten ist. Auf der Schachtel stand „PUFFER – Plane Unbedingt Freiräume Für Etwaige Risiken“.
„Nehmen Sie das und lassen sich dies von Ihrem Auftraggeber absegnen. Setzen Sie sich noch einmal mit Ihrem Team zusammen und überarbeiten Sie den Zeitplan. An jeden Mitarbeiter verteilen Sie ein paar PUFFER. Sie werden sehen, bald sind Sie ganz von allein relaxt und können sich wieder voll und ganz auf Ihre Arbeit konzentrieren, die dann auch viel schneller vorangeht, als unter ewigem Zeitdruck. Wie sagte schon der weise Lothar: Wenn du es eilig hast, gehe langsam.“
„Wie bitte? Wie soll das denn gehen?“ entgegnete das Projekt.
„Darüber dürfen Sie auf dem Heimweg nachdenken“, meinte ich freundlich und stand auf, um mich zu verabschieden. Als mir das Projekt die Hand schüttelte, verriet mir sein Gesichtsausdruck, dass es von meiner Methode noch nicht ganz überzeugt war, aber auch, dass es bereits über den weisen Lothar nachgrübelte. Und zwar so sehr, dass es ganz vergaß, die Ambulanz rennend zu verlassen, sondern in Gedanken versunken nach draußen schlenderte.