Als ich heute nach meiner Mittagspause zurück zu meinem Behandlungszimmer kam, registrierte ich mit Erstaunen dass der Warteraum leer und verlassen war.
Ich wollte mich schon freuen, dass sich noch eine Nachspeise in der Cafeteria ausging, als ich ein dünnes Stimmchen vernahm.
„Herr Doktor, endlich sind Sie wieder hier“, piepste es.
Ich musste schon sehr genau hinsehen, um zwischen den Stühlen und Tischen ein kleines – um nicht zu sagen, winziges – Projekt zu entdecken.
„Ich warte schon seit heute früh, dass ich dran komme, aber die anderen waren immer vor mir an der Reihe.“
Leise meldete sich mein schlechtes Gewissen, als mir klar wurde, dass es wohl nicht die Schuld des Projektes – oder Projektchens – war, dass es erst jetzt an die Reihe kam. Ich hatte es wohl einfach übersehen.
Eine Entschuldigung murmelnd bat ich es in mein Behandlungszimmer. Beinahe musste ich ihm helfen, auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch zu klettern, in dem es anschließend fast versank und Mühe hatte, über die Tischkante zu blicken.
„So, mein liebes Projekt, was ist denn Ihr Problem?“ fragte ich als ich hinter meinem Schreibtisch Platz genommen hatte.
„Mein Problem… mein Problem ist…“, piepste das Projektchen aufgebracht.
„Dass ich dauernd übersehen werde.“
Ich musste ein Schmunzeln unterdrücken.
„Niemand hört mir zu und niemand nimmt mich ernst. Es ist, als wäre ich gar nicht da. Mein Projektleiter hat nur einen Mitarbeiter und kein Budget und wenn er etwas will, reagiert niemand, weil alle anderen Projekte wichtiger sind. Und wie’s aussieht muss ich meine Arbeit in alle Firmenewigkeit jeden Monat durchziehen. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll, ich werde noch verrückt!“
Nach kurzem Zuhören konnte ich bereits antworten: „Tja, ich weiß ganz genau, was Ihnen fehlt!“
„Wirklich? Was denn?“ fragte das Projekt erstaunt, anscheinend überrascht von meiner raschen Diagnose.
„Sie müssen jetzt sehr stark sein. Ich muss Ihnen leider sagen, dass Sie kein Projekt sind. Ihnen wurde dies zwar seit Ihrer Geburt eingeredet – höchstwahrscheinlich von Ihrem Projektleiter, aber in Wirklichkeit, sind Sie eine Routine-Aufgabe.“
Die Augen des Projektchens weiteten sich.
„Ich bin kein Projekt“, flüsterte es erschrocken.
Ich nickte mitfühlend.
„Aber warum nicht?“
„Nun ja, die Merkmale eines Projektes sind Einmaligkeit, begrenzte Durchlaufzeit und abteilungsübergreifende Aktivitäten. Davon erfüllen Sie leider keines davon. Sie müssen jeden Monat dieselben Aufgaben erledigen – wie Sie sagen bis in alle Firmenewigkeit – und haben auch nur einen Mitarbeiter. Es tut mir wirklich leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber man hat Sie gründlich angeschwindelt.“
„Aber was mach ich denn jetzt?“ fragte es verzweifelt.
„Als erstes müssen Sie Ihrem Projektleiter dasselbe erklären, was Sie jetzt von mir erfahren haben. Es kann leicht sein, dass er es insgeheim schon weiß, es aber einfach nicht wahrhaben wollte. Darauf müssen Sie leider gefasst sein.“
„Und dann?“
„Dann können Sie sich darauf konzentrieren, Ihre Arbeit zu machen. Abstimmungen mit zig Leuten sind dann nicht mehr nötig. Ihr Projektleiter – der eigentlich keiner ist – braucht seine Zeit nicht mehr für administrative Projektmanagement-Aufgaben aufwenden, sondern kann sich auf das operative Wesentliche konzentrieren. Sie werden sehen, dann fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit bald wieder mehr verstanden und es geht auch zügiger voran.“
Als ich die Niedergeschlagenheit des Projektes sah, fügte ich noch hinzu: „Soviel ich weiß, kommen Sie ja aus einem großen Unternehmen. Gehen Sie einmal auf die Suche nach kleinen „Projekten“ wie Sie, die Chance ist sehr hoch, dass auch diese Routine-Aufgaben sind. Suchen Sie sich Gleichgesinnte, dann geht es Ihnen sofort besser.“
„Das werde ich vielleicht machen“, seufzte es, doch die Hoffnungslosigkeit in seinen Augen blieb.
Dies war einfach ein Fall, wo von Anfang an etwas schief gelaufen ist, was im Nachhinein nur noch schwer gut zu machen ist, dachte ich, nachdem ich das Projektchen zur Tür hinaus begleitet hatte.