Projektambulanz

 

Volume 8 - Eigenlob stinkt nicht

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Heute betrat ein Projekt mein Behandlungszimmer, das mir irgendwie bekannt vorkam. Ich war mir sicher, es schon einmal gesehen zu haben. Dann erinnerte ich mich. Es hatte bereits vor einigen Monaten meine Praxis aufgesucht. Sein Problem waren die Stakeholder, die es beeinflussen wollten, oder wie sie von ihm genannt wurden: Wegelagerer.
„Ja guten Tag“, begrüßte ich das Projekt.
„Normalerweise freue ich mich nicht, meine Projektpatienten noch einmal zu sehen. Wie kann ich Ihnen denn diesmal helfen? Hat die Umfeldanalyse nicht gewirkt?“


„Herr Doktor, ich habe die Umfeldanalyse wie empfohlen durchgeführt“, begann es zu erzählen.
„Ich weiß jetzt, welche Wegelagerer ich beachten muss und welche nicht und ich weiß auch, welche mich wie beeinflussen wollen und gehe jetzt denen, die mir schaden wollen, erfolgreich aus dem Weg. Aber das nützt nichts. Sie reden hinter meinem Rücken über mich und verbreiten schlechte Stimmung bei den anderen Umfeldern. Wenn das noch länger so weiter geht, muss ich bald allen Umfeldern aus dem Weg gehen und kilometerlange Umwege in Kaufe nehmen. Und auf Dauer kann ich auch nicht alle im Auge haben, damit ich keinem mehr begegne. Verstehen Sie mein Dilemma?“
„Warum glauben Sie denn, dass Ihnen die Umfelder schaden wollen?“
„Weil sie glauben, dass ich Ihre Jobs bedrohe, oder zu viel Geld verschlinge, oder unfähig bin, meine Ziele zu erreichen.“
„Und, stimmt das?“ fragte ich das Projekt unschuldig.
„Natürlich nicht!“ antwortete das Projekt erbost.
„Mein oberstes Ziel ist, die allgemeine Unternehmenssituation zu verbessern!“


„Und da haben wir schon das Problem!“ erklärte ich.
„Diese Umfelder, die Sie aufhalten wollen, sind felsenfest von ihrer Meinung überzeugt, dass Ihre Existenz ihnen oder dem Unternehmen schadet! Sie müssen sie vom Gegenteil überzeugen! Nur ignorieren und aus dem Weg gehen reicht leider nicht.“
„Also das glaube ich kaum, dass sich die von mir überzeugen lassen“, meinte das Projekt skeptisch.
„Wie sagt man? Gegen jedes Unheil ist ein Kraut gewachsen. Auch hier gibt es Hilfe. Was Sie brauchen, ist Projektmarketing“, verkündete ich dem Projekt.
„Projektmarketing? Ich hab schon so viel zu tun, ich kann nicht auch noch Werbung für mich selber machen!“
„Achso, da nehmen Sie lieber weiterhin Ihre kilometerlangen Umwege in Kauf und fürchten sich ständig, dass Sie doch einem Umfeld über den Weg laufen, welches Sie attackiert? Was raubt Ihnen Ihrer Meinung nach mehr Zeit?“
Das Projekt grummelte in sich hinein, was wohl Verständnis ausdrücken sollte.


„Und wie funktioniert dieses Projektmarketing?“ wollte es nun doch wissen.
„Im Grunde liegen Sie mit Ihrem Vergleich mit der Werbung gar nicht so falsch. Im Projektmarketing geht es darum, positive Stimmung unter den Umfeldern zu verbreiten und ihnen Ihren Nutzen aufzuzeigen. Und zwar genau den Umfeldern, die laut Umfeldanalyse für Sie wichtig sind. Die anderen können Sie mitbetreuen, aber der Fokus liegt in erster Linie auf denen, die Ihnen gefährlich werden können. Diese Information haben Sie ja schon durch die Umfeldanalyse. Sie sehen also, die Umfeldanalyse und das Projektmarketing sind ein echtes Dream-Team! Gemeinsam mit Ihren Mitarbeitern entwickeln Sie Maßnahmen, wie Sie die Umfelder auf Ihre Seite ziehen können – und zwar möglichst alle, denn auch jene, die jetzt noch nicht viel Macht haben, können noch mächtig werden. Ob Sie sie nun zu einer Projekt-Feier einladen, oder Info-Veranstaltungen machen, wo Sie die Leute von Ihrer Wichtigkeit überzeugen, oder die hausinternen Medien Positives schreiben, welche Vorteile Sie bringen, bleibt Ihnen überlassen.“


„Und wie weiß ich, welche Methode die beste ist?“ fragte es.
„Aus Erfahrung kann ich sagen, dass Projektmarketing am wirksamsten ist, wenn Sie auf mehreren Schienen fahren, sprich Unternehmenszeitung, andere hausinterne Medien, Veranstaltungen, Plakate, Goodies, persönliche Gespräche und was das Allerwichtigste ist: Achten Sie darauf, dass vor allem Ihre Mitarbeiter gut über Sie reden. Denn das ganze Projektmarketing nützt nichts, wenn Ihr Ruf im eigenen Unternehmen schlecht ist. Ihre Mitarbeiter müssen gern für Sie arbeiten und dies auch weitererzählen!“
„Aber das tun sie doch. Das Problem sind die Wegelagerer!“


„Dann schauen Sie, dass das weiterhin so bleibt. Und es gibt sicher Mitarbeiter, die einen guten Draht zu einem oder mehreren Wegelagerern haben, die sie dann vielleicht überzeugen können, dass Sie doch gar nicht so unvorteilhaft fürs Unternehmen sind.“
„Stimmt, da wüsste ich sogar schon einige, die mit den Wegelagerern reden könnten.“
„Na also, dann sind sie ja schon am richtigen Weg! Sie werden sehen, mit geeignetem Projektmarketing werden die mächtigen Wegelagerer bald zu starken Verbündeten.“
„Na, das wäre ja perfekt. Daran hab ich noch gar nicht gedacht, dass sie ihre Macht auch für mich nutzen können!“ erkannte das Projekt überrascht.
„Ich bin sicher, dass das funktioniert. Und wenn nicht, Sie wissen wo Sie mich finden! Wir finden auch dafür eine Lösung!“ versprach ich dem Projekt. Nach kurzer Verabschiedung verließ das Projekt beschwingt die Praxis. Zu sich selbst murmelnd tüftelte es bereits, mit welchen Ideen es sich selbst am besten vermarkten könnte.

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Projektambulanz, Ordination Dr. Glügg

Dr. Phil Glügg; Studium bei der Projektmedizinischen Agentur;
Erfahrung mit Projekten aller Art rund um den Globus; seit 7 Jahren als Notfallmediziner in der Projektambulanz in Wien tätig