Als ich heute nach dem Mittagessen wieder zu meinem Behandlungszimmer zurückkam saß bereits ein Projekt geduldig im Wartezimmer. Ich wunderte mich ein wenig über sein verdächtig ruhiges Verhalten. Die meisten Projekte, die zu mir kamen, konnten sich vor lauter Hektik nicht mehr einkriegen oder zeigten bereits erste Anzeichen von Depressionen. Ich bat es herein und nahm ihm gegenüber hinter meinem Schreibtisch Platz.
„Also, wertes Projekt, von welchen Beschwerden darf ich Sie kurieren?“ fragte ich es.
„Nun, Herr Doktor“, antwortete es.
„Mein Problem ist glaube ich schnell geschildert. Seit fünf Monaten versuche ich, eine elektronische Informationsplattform in unserem Unternehmen zu etablieren, aber mit dem Erfolg bin ich leider ganz und gar nicht zufrieden. Am Anfang war ja noch alles klar, aber mittlerweile möchte jede Abteilung ihr eigenes Design haben und jeder Bereichsleiter will andere Informationen abrufen können und ein anderes System verwenden. Wenn ich an einer Baustelle zu arbeiten anfange, dauert es nicht lange, bis mich jemand zur nächsten Baustelle zerrt, oder mir erklärt, dass das ganz anders gemacht werden muss und ich kann wieder von vorne beginnen. Wissen Sie, wie frustrierend das ist, Herr Doktor?"
„Ja, mein liebes Projekt, das kann ich mir gut vorstellen“, zeigte ich Verständnis.
„Dafür machen Sie auf mich aber einen äußerst ausgeglichenen Eindruck.“
„Ich bin nur deshalb so ruhig, weil ich mittlerweile resigniert habe und einfach mache, was man mir sagt, auch wenn wir dadurch nicht weiterkommen“, meinte das Projekt mit hängendem Kopf.
„Haben Sie ein gemeinsames Ziel definiert, auf das alle hinarbeiten?“
„Ja, natürlich, das wurde bereits ganz am Anfang festgelegt. Eine Plattform, zu etablieren, über die alle für das Unternehmen relevanten Informationen intern abgerufen werden können. Genauso lautet es.“
„Verstehe“, antwortete ich.
„Und wie genau wollen Sie dieses Ziel erreichen?“
„Das liegt in der Hand der Bereichsleiter, die müssen das entscheiden. Sie sind sich leider nur nicht immer einig.“
„Hm, genau da liegt das Problem. Das Ziel ist zwar allen bekannt, aber der Weg dorthin liegt noch im Dunkeln. Jeder drängt Sie in eine andere Richtung, deshalb fühlen Sie sich so hin und her gerissen. Aber keine Sorge, ich habe genau die richtige Behandlung für Probleme dieser Art!“
Hoffnung schimmerte in den Augen des Projektes, als ich in meine Schublade griff und einen Rezeptblock herausholte.
„Ich verschreibe Ihnen den Projektstrukturplan und den Meilensteinplan, damit werden Sie wieder stabil. Ersuchen Sie jedes Ihrer Teammitglieder eine Dosis davon einzunehmen, am besten gemeinsam, das erhöht noch dazu das WIR-Gefühl. Diese beiden Wirkstoffe sorgen dafür, dass alle Beteiligten wissen, wie das Ziel erreicht werden soll, worin die nächsten Schritte bestehen und welche davon in ihrer Verantwortung liegen. Den Weg zum Ziel lassen Sie sich dann noch von Ihren Bereichsleitern absegnen, damit sie ihre Änderungen noch einbringen können. Sind der Projektstrukturplan und der Meilensteinplan erst einmal ausreichend in Ihrem Team verankert, wird vieles klarer und alle können sich auf ein Ziel konzentrieren. Sollte es trotz allem nicht besser werden, kommen Sie wieder vorbei, dann verschreibe ich Ihnen noch zusätzlich die Arbeitspaketbeschreibung.“
„Das hört sich hervorragend an, vielen Dank Herr Doktor!“ sagte das Projekt erfreut.
„Ich werde sofort eine Teamsitzung einberufen und meinen Mitarbeitern und den Bereichsleitern das Konzept von Projektstrukturplan und Meilensteinplan vorstellen. Sie werden mit Sicherheit so begeistert davon sein wie ich, denn dann wissen sie ja auch endlich, was zu tun ist.“
„Gern geschehen. Und wie gesagt, falls doch noch weitere Beschwerden auftreten sollten, kommen Sie so bald wie möglich wieder!“ riet ich dem Projekt noch, bevor ich mich von ihm verabschiedete.