Das Projekt, das heute im Wartezimmer saß, wirkte gleich auf den ersten Blick abgekämpft und völlig außer Atem, um nicht zu sagen fix und fertig. Seine Kleidung war staubig und teilweise zerrissen und zahlreiche teils bereits halb verheilte Kratzer im Gesicht zeugten von diversen Begegnungen der unangenehmen Art.
„Was ist Ihnen denn passiert?“ fragte ich es, nachdem ich es in mein Behandlungszimmer gebeten hatte.
„Herr Doktor, seit Wochen hab ich nun schon zu kämpfen.“
Das sehe ich, dachte ich mir.
„Ich war ja am Anfang gut unterwegs, bin mit meinem Team gut vorangekommen, und hab meine Meleinsteine immer laut Plan passiert. Aber dann haben einige Kollegen und Stakeholder angefangen, mir Steine in den Weg zu legen. Am Anfang hab ich sie noch leicht überwunden, aber mit der Zeit wurden sie immer größer und ich immer schwächer. Mittlerweile sind es schon richtige Felsbrocken die ich überwinden muss. Und das Gelände wir auch nicht einfacher – Dornengestrüppe und Schottergruben pflastern meinen Weg. Je länger das Ganze dauert, desto schwieriger wird es, kommt mir vor.“
Ich nickte. Derartige Probleme kannte ich bereits.
„Haben Sie eine Karte für ihren weiteren Weg?“
„Natürlich! Ich habe sowohl Projektstrukturplan, als auch Meilensteinplan und Arbeitspaketbeschreibungen. Ich weiß genau, wo ich hin muss und wann ich wo sein sollte.“
„Aber wissen Sie auch, wie der Weg dorthin beschaffen ist und welche Gefahren Ihnen noch auflauern könnten? Unter uns: es gibt noch schlimmeres als Felsstürze und Dornengestrüppe.“
Das Projekt zog fragend die Augen hoch.
„Wie der Weg beschaffen ist? Aber das zeigt mir doch keine Karte. Oder?“
Ich lächelte.
„Im Projektmanagement gibt es für beinahe alles eine Karte. Was Ihnen fehlt, nennt man Risikoanalyse.“
„Davon hab ich schon mal gehört“, meinte das Projekt.
„Einer aus meinem Team wollte das am Anfang machen, aber wir hatten keine Zeit dafür. Das hätte ja mindestens einen Tag gedauert!“
„Tja, aber dieser Tag hätte Ihnen vermutlich gezeigt, dass Sie auf Ihrem Weg Bergschuhe und einen Helm brauchen werden, oder was auch immer. Bei der Risikoanalyse wird nämlich der Weg, der vor Ihnen liegt, analysiert und auf mögliche Gefahren hin untersucht. Natürlich kann man nicht genau wissen, was einen erwartet, aber man kann überlegen, was alles passieren kann und wie wahrscheinlich es ist, dass es passiert. Und wenn dann unüberwindbare Hindernisse auftauchen…“
„Wie eine meterbreite Schlucht zum Beispiel…“, unterbrach mich das Projekt.
„ Ja, genau, wie kommen Sie denn jetzt darauf?“ fragte ich.
„Deswegen bin ich hier. Dornengestrüppe und Felsbrocken hab ich ja noch überwunden, aber jetzt kann ich nicht mehr weiter. Und meine Verletzungen werden auch immer schlimmer. Ich bin lang nicht mehr so schnell wie am Anfang.“
„Nun, das ist also ein Show-Stopper. Ein Problem, welches nicht überwunden werden kann. Und nun überlegen Sie sich mal, was Sie das an Zeit und Geld kostet, am Rand der Schlucht zu stehen und nachzudenken, was Sie jetzt tun, während von oben die Felsbrocken auf Sie herabpoltern.“
„Darüber will ich gar nicht nachdenken“, meinte das Projekt.
„Deshalb ist es besser, wie Sie erwähnt haben, sich zu Projektstart oder kurz danach die Zeit zu nehmen und eine Risikoanalyse zu erstellen. Dann wüssten Sie jetzt, dass Sie Ihr Problem am besten lösen, indem Sie mit viel Anlauf darüber springen, aber sicherheitshalber ein Fangnetz aufhängen, falls der Plan schief geht. Das Fangnetz nennt man im projektmedizinischen Fachjargon übrigens Contingency-Plan. Oder, falls die Schlucht zu breit ist, dass Sie umdrehen und nach einem anderen Weg suchen. Je nachdem.“
„Eine Risikoanalyse also“, murmelte das Projekt.
„Aber was mache ich jetzt?“
„Jetzt ist es, würde ich sagen, höchste Zeit, eine Risikoanalyse zu erstellen. Wie gesagt, das werden nicht die einzigen Gefahren sein, die auf Sie warten. Wenn Sie dann bei der nächsten Schlucht ankommen, wissen Sie schon, wie Sie am besten reagieren und so geht es ihnen nach der Risikoanalyse hoffentlich auch bei anderen Schwierigkeiten.“
„Aber ich kann doch jetzt nicht einfach einen Tag stehen bleiben und Risiken analysieren!“
„Wollen Sie lieber beim nächsten Wasserfall stehen bleiben und dort einen Tag überlegen, wie Sie weiterkommen, während Sie schon fast hinuntergerissen werden?“
Das leuchtete ihm dann wohl doch ein.
„Na dann werde ich wohl Ihren Rat befolgen und eine verspätete Risikoanalyse erstellen. Ich hoffe, das nützt wirklich so, wie Sie das sagen“, meinte das Projekt und stand auf.
„Wenn nicht, können Sie sich gern beschweren kommen“, antwortete ich noch lächelnd, als ich es zur Tür hinaus begleitete.