Interviews

 

"Anders als in der Kunst muss man als Firma immer nach dem Nutzen von Innovationen fragen."

Josef Trattner

Um Innovationen zu ermöglichen benötigt unsere Konsum- und Informationsgesellschaft kreatives Potential. Kunst und Kreativität gingen immer schon Hand in Hand. Was liegt also näher, als einen Künstler, der sich tagtäglich mit Kreativität auseinandersetzt, zum  Kontext Innovation und Kreativität zu befragen.

 

domendos: Herr Trattner, wie definieren Sie Kreativität und Innovation im Kunst-Kontext?

Josef Trattner: Prinzipiell ist der Unterschied zur Wirtschaft, dass Innovation immer an einen komplexeren Gesamtbereich gekoppelt ist. Innovation und Kreativität können in der Kunst anders gesehen werden, weil sie den Ansprüchen, die im Unternehmensalltag gestellt werden, nicht genügen müssen. Als Firma muss man bei Innovationen immer nach dem Nutzen fragen. Dieser Nutzen ist in der Kunst so nicht definiert. Der Kunst immanent ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Alltag, mit politisch-sozialen und ästhetischen Fragestellungen.

domendos: Sind Künstler generell kreativer als andere Menschen?

Trattner: Jeder Mensch verfügt über kreatives Potenzial. Im Idealfall ist man mit Talent ausgestattet, das natürlich sorgfältig gepflegt werden muss. Wenn dieses Können bzw. Talent von klein auf gefördert wird entsteht Selbstwertgefühl und es können selbst mangelnde pädagogische Qualitäten ausgeglichen werden. Für mich ist das Erfassen von Zusammenhängen im kreativen Bereich wichtig. Interesse ist in kreativen Berufen prinzipiell wichtig.

domendos: Wie schaffen Sie Ihren Freiraum für kreative Gedanken?


Trattner:
Dieser Freiraum ist mein Umraum. Alle Einflüsse, die für eine kreative Leistung wesentlich sind, werden von mir so verarbeitet. Genauso funktioniert dieser Vorgang in der Wirtschaft. Viele Informationen und Innovationen werden täglich abgerufen, mit anderen verglichen und korrigiert, so es notwendig ist. Der Künstler definiert seinen Freiraum – auch inhaltlich – selbst, allerdings darf auch er den Kontakt zum Kunstalltag nicht vernachlässigen. Kommunikation ist bestimmt behilflich. Wirtschaftliche Stabilität ist stets abhängig von individuellen, kreativen Leistungen aus verschiedenen beruflichen Ebenen, das ergibt die Vielfalt.

domendos: Wir leben generell in einer Kultur, in der es verboten ist, zu scheitern. Gibt es Scheitern auch in der Kunst?


Trattner: Es geht auch hier wieder um Netzwerke, es geht um das soziale Kapital. Ein wesentliches Kriterium in künstlerischen Berufen ist die Fähigkeit, sich zu vernetzen. Der Weg des Künstlers hängt sehr oft nur von wenigen Faktoren ab. Wer sich nicht für andere interessiert, wer nicht kommunizieren kann, wird es im Berufsalltag schwieriger haben. Wird das monetäre Denken zurückgenommen, finden die Menschen wieder eher den Kontakt zueinander im persönlichen Ideenaustausch. Für mich persönlich sind die Menschen ein wesentlicher Faktor im Leben und in der Arbeit. Eine besonders wichtige Rolle in meiner Arbeit spielen auch Konsequenz und Konstanz. Selbstreflexion und Selbstkritik stehen in einer Wechselbeziehung zum eigenen Schaffen. Mein Motto: Die Kunst ist das unnotwendigste Notwendige oder das notwendigste Unnotwendige. Das heißt, die Frage, brauchen wir sie, oder nicht, stellt sich immer wieder. Und wir brauchen sie trotzdem, aber nicht wirklich. Oder doch? In Kunst und Wirtschaft ist Scheitern notwendig, denn nur über die nötige Selbstreflexion entsteht wieder Neues, Innovatives. Keine Entwicklung ohne Scheitern.

domendos: Gibt es ein Beispiel für Innovation aus der Kunst?


Trattner: Die Computer-Kunst ist sicherlich innovativ. Auch in der Musik gibt es Beispiele. Architektur ist sehr stark innovativ und das stärkste Beispiel für diese Begrifflichkeit. In der Malerei ist es eher die Verwendung neuartiger Materialien. Ich setze mich in diesem Bereich mit Schaumstoff auseinander. Mein innovativer Ansatz liegt eher im temporären Agieren.

domendos: Wie entsteht bei Ihnen Kreativität?


Trattner: Es ist der ganze Alltag. Wenn ich  auf eine Problemstellung stoße, brechen all diese Einflüsse auf mich ein und ich versuche eine Lösung zu erreichen. Mein Potenzial ist die Energie im kreativen Arbeiten. Ich suche immer die Unterhaltung mit Menschen, bin sehr lebendig. Ich bin bereit Engagement zu zeigen und Dinge wahrzunehmen.

domendos: Angenommen Ihr Sitznachbar erzählt Ihnen, dass es mit seinem Unternehmen bergab geht. Was wäre Ihre Empfehlung?


Trattner: Zunächst muss man natürlich etwas mehr über das Unternehmen wissen, das in der Krise steckt, aber ich würde herausfinden wollen, wo Bedürfnisse und strukturbedingte Veränderungen notwendig sind. Die Mitarbeiter müssen über das Gespräch Vertrauen und Rückhalt finden. Da sind wir bei den Begriffen Geradlinigkeit und Glaubwürdigkeit, was unserer Wirtschaft heutzutage fehlt. Vielleicht würden wir nur dadurch, dass wir bei uns selber bleiben, eine neue moralische und ethische Instanz und damit eine neue Qualität der Wirtschaft erreichen, in der es nicht mehr um Profit, sondern darum geht, die Menschen in ihrem Umfeld wirken zu lassen. Ich würde mir wünschen, dass im Alltag die offene Kommunikation wieder mehr gepflegt wird.

domendos: Noch ein Abschluss-Statement?


Trattner: Die momentane wirtschaftliche Situation ist eine Möglichkeit, den Alltag mit all seinen materiellen Anforderungen zu überdenken. Neue Inhalte und Werte können Platz greifen, auch die Dritte-Welt-Diskussion kann jetzt vielleicht etwas offener und kritischer geführt werden. Wir haben die große Chance näher zu rücken und mehr Verantwortung für den anderen zu übernehmen. Soziales Denken wird zur großen gesellschaftlichen Herausforderung. Vielleicht kann hier die Kunst sogar helfen.

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Josef Trattner
wurde 1955 in Semriach in der Steiermark geboren. Er studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien, wo er seit 1996 auch Lehrbeauftragter war. Er ist Mitglied der Wiener Secession. Unter zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland sind unter anderem seine Ausstellungen in der Galerie Wiener Secession, im MAK und sein Projekt „Barock in Progress“ im Schloss Eckartsau hervorzuheben. Josef Trattner beschäftigt sich seit 1990 mit dem Material Schaumstoff. Seit 1994 realisiert der in Wien lebende Künstler unter Verwendung dieses Werkstoffs Projekte im öffentlichen Raum.